Jonathan Horstmann
@jonathanhorstmann
Kommunikation und Feuilleton jonathanhorstmann.de 📍Hamburg
Für alle, die sich besser in Kunstgeschichte auskennen: Über das Setdesign gäbe es sicher ebenfalls Interessantes zu sagen. Auch in den Anachronismen zeigt sich eine angenehme neue Lockerheit des Nolan-Kinos: Adaptionen antiker Stoffe fürs Heute brauchen gar keine überkorrekte Historisierung. (7/7)
Anklänge an die Gegenwart sind überdeutlich, aber nicht didaktisch. Die amerikanischen Idiome der Figuren (Odysseus sagt „fuck“, Telemachos nennt ihn „Dad“) darf man wohl als bewusst platzierte Stumpfheitsoffenbarung treuherziger Kriegsmannen verstehen. Nolan hat anscheinend doch Humor! (6/7)
Die Episoden der nachfolgenden Irrfahrt sind gegengeschnitten zur Handlung in Ithaka, was dicht an Homers Erzählweise bleibt. Ein zentrales Plotmotiv ist „Zeus’ Law“, das griechische Gastrecht, dessen zunehmende Missachtung gewissermaßen ein weiteres Gesetz in die Welt bringt: Murphy’s Law. (5/7)
Das Trojanische Pferd inszeniert Nolan wie ein Fanal auf einer Opernbühne. Anfänglich schwebt die Kamera dramatisch darauf zu. Das Blutvergießen beginnt sogleich, verlagert sich dann ins Innere und tritt mit dem Attentat der Griechen wieder nach außen. Eine meisterhafte, schaurige Sequenz. (4/7)
Erzählerisch interessiert sich dieser Film anders als andere Behandlungen des Stoffes nicht für Glorifizierungen. Die Brutalität der Odysseus-Truppe ist abstoßend, die ganze Troja-Mission eindeutig eine Finte zur Kriegstreiberei – Matt Damon in der Titelrolle spricht es konsterniert aus. (3/7)
Schon die Bilder sind genug, um drei fesselnde Stunden im Kino zu erleben. Die Aufnahmen der IMAX-Kameras, zuvor als Nerd-Einfall verschrien, liefern unglaubliche Detailtiefe. Dunkle Szenen sind deutlich kontrastreicher als in anderen, digital gefilmten Blockbustern der jüngeren Zeit. (2/7)
Gestern Abend THE ODYSSEY angeschaut und mich gefreut. Dass es noch möglich ist, einen Film dieser Größenordnung und Qualität herzustellen, ist rein handwerklich ein kleines Wunder. Dazu haben Christopher Nolan und sein Team auch erzählerisch einen eigenen Zugang zu Homers Epos gefunden. (1/7)
An der Hamburger Staatsoper wird gerade mal wieder „Tristan und Isolde“ in der Ruth-Berghaus-Inszenierung von 1988 gegeben. Zu Recht ein Klassiker: Das Motiv der Schifffahrt ist hier ins All verlegt, wo die Liebenden sich wie Planeten umkreisen, aber nie berühren. Nächsten Sonntag zum letzten Mal.
Unglaublich, was dieser Typ kann: Tom Odell heute Abend regelrecht ekstatisch mit Band und großen Gefühlsausbrüchen. Er freue sich so, in Hamburg zu spielen, sagte er, denn hier in der Stadt hat er vergangenes Jahr Teile seines neuen Albums „A Wonderful Life“ komponiert (das phänomenal ist).
Es gibt ein paar vereinzelte Kino-Screenings von 𝘈 𝘏𝘰𝘶𝘴𝘦 𝘰𝘧 𝘋𝘺𝘯𝘢𝘮𝘪𝘵𝘦 vor dem Netflix-Start. Lohnt sich! Kathryn Bigelow holt hier nach langer Zeit ohne Atomkrieg auf der Leinwand ein Szenario zurück ins Bewusstsein, das dieser Tage dringend durchdacht und diskutiert gehört. War positiv überrascht.
Zum Filmfest-Abschluss das letzte Screening für diesen Thread: 𝘙𝘦𝘯𝘵𝘢𝘭 𝘍𝘢𝘮𝘪𝘭𝘺 – ein Volltreffer, der bestimmt jedem gefallen wird. Witziger Aufhänger, handwerklich gut durchgestaltet, geerdet durch ein wenig Beziehungspsychologie, mit Tokio-Flair. Den Kinostart am 8. Januar ruhig schon mal eintragen.
Eine ungewöhnlich ernste Rolle für Anke Engelke: Als Frau, die nach einem tragischen Autounfall ihre Ehe neu sortieren muss, ist sie der würdevolle Mittelpunkt im Melodram 𝘋𝘢𝘯𝘯 𝘱𝘢𝘴𝘴𝘪𝘦𝘳𝘵 𝘥𝘢𝘴 𝘓𝘦𝘣𝘦𝘯. Ihren Mann spielt Ulrich Tukur – beide wurden bei der Premiere heute vom Hamburger Publikum bejubelt.
Heute ist überall freier Eintritt beim Filmfest Hamburg. Wer wie ich erst jetzt 𝘛𝘩𝘦 𝘔𝘢𝘴𝘵𝘦𝘳𝘮𝘪𝘯𝘥 schaut, muss leider mit den unbequemen Sitzen im Metropolis vorliebnehmen, auf denen sich zwei Stunden etwas zäh anfühlen. Eine Übung in Geduld auch wegen des sehr gemächlichen Tempos dieses Films.
Manchmal sind kunstvolle Erzählungen zwischen dem eigentlich Bedeutsamen angesiedelt. Sie beginnen nach A und enden vor B, weil diese Ereignisse selbst zu ungeheuerlich sind, um dargestellt zu werden. Zu dieser Kategorie gehört 𝘌𝘪𝘯 𝘦𝘪𝘯𝘧𝘢𝘤𝘩𝘦𝘳 𝘜𝘯𝘧𝘢𝘭𝘭, der verbotene iranische Film von Jafar Panahi.
Eines von Hamburgs bekanntesten Casinos steht direkt neben dem Cinemaxx am Dammtor. Es liefert heute Nacht die ideale Kulisse, denn im Kino feiert 𝘉𝘢𝘭𝘭𝘢𝘥 𝘰𝘧 𝘢 𝘚𝘮𝘢𝘭𝘭 𝘗𝘭𝘢𝘺𝘦𝘳 Premiere. Colin Farrell zockt und schwitzt sich als Hochstapler durch ein wildes Glücksspiel im „chinesischen Las Vegas“ Macau.
Ein Wechsel ins französische Kino: 𝘝𝘪𝘦 𝘱𝘳𝘪𝘷é𝘦, der neue Film von Rebecca Zlotowski, stellt uns Jodie Foster als Psychiaterin in Paris vor. Sie will den Tod einer Patientin aufklären – der Beginn einer unterhaltsamen Krimi-Revue mit freudschen Motiven wie Tränen, Treppenhäusern und geheimen Türen.
Weiter mit einer Deutschlandpremiere: 𝘈𝘮𝘳𝘶𝘮. Fatih Akin zeigt uns das Kriegsende 1945 durch die Augen eines Inseljungen. Dieser wird beim Versuch, ein Honigbrot für seine Mutter zu beschaffen, mit der Gewalt der Elterngeneration konfrontiert. Vorbild sind die Erinnerungen von Akins Mentor Hark Bohm.
Mein erster Festivalfilm ist 𝘛𝘩𝘦 𝘏𝘪𝘴𝘵𝘰𝘳𝘺 𝘰𝘧 𝘚𝘰𝘶𝘯𝘥. Die diskrete Romanze ahmt das Schema traditioneller Folksongs nach: Ein Sänger, der hier zugleich Musikforscher ist, erzählt sich und uns von seiner Jugendliebe, damit sie über die Zeit bewahrt bleibt. Vieles bleibt unerwähnt, aber nichts ungewiss.
Endlich wieder Filmfest Hamburg! Große Vorfreude darauf, in den nächsten Tagen in der reinigenden Schwärze des Kinosaals zu verschwinden und ein bisschen die Seele zu füttern, mit anderen Geschichten, Figuren und Lebensfragen als denen, die draußen allgegenwärtig auf uns einprasseln.
Benson Boone, Derik Fein, Stephen Sanchez – drei perfekte Popstimmen für schwüle Sommernächte. In Amerika klingen die jungen Sänger plötzlich alle wieder wie Roy Orbison. Keine Angst vor dem ganz großen Falsett-Pathos.
Wie ein 90 Minuten langer Ehe-Sketch von Loriot, nur mit dynamischerer Rollenverteilung und den typischen Paar-Kind-Karriere-Konflikten des 21. Jahrhunderts: Michael Wächter und Caroline Peters amüsieren mit ihrem Burgtheater-Stück „Egal“ heute mal das Hamburger Publikum.
Im PhotoHouse, seinem früheren Arbeitsort in Tel Aviv, liegt nun alles in Scherben. Viele Werke und das Interieur sind beschädigt. Die Originalnegative, die auch hier aufbewahrt sind, scheinen zum Glück verschont geblieben zu sein. (5/6)
Golda Meir und David Ben Gurion, Marc Chagall und Max Brod ließen sich von Weissenstein porträtieren. Als Chronist der Zeitläufte hat er Ereignisse wie die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung eingefangen. (4/6)
Auf seinen faszinierenden Schwarzweißbildern sind vornehme Society-Events in urbaner Kulisse zu sehen. Frauen, die trockene Äcker mit dem Pferdepflug auflockern. Jugendliche in der Negev-Wüste. Eine „neue Welt“, geboren auch aus dem selbstbewussten Umgang mit der Kamera. (3/6)
Weissenstein, deutscher Muttersprachler, geboren im böhmisch-mährischen Iglau, dokumentierte mit seiner Kamera die Aufbaujahre im britischen Mandatsgebiet Palästina in den 1930er-Jahren wie auch die prägende Zeit während und nach der israelischen Staatsgründung 1948. (2/6)
Kriege zerstören Kulturschätze. Das ist Rudi Weissenstein (1909/10–1992), einer der bedeutendsten Fotojournalisten Israels. Gestern Nacht traf eine ballistische Rakete sein ehemaliges Fotogeschäft in Tel Aviv. (1/6)
Ich mag Kunst, die nicht bierernst ist, sondern auch ein bisschen Witz und Leichtigkeit hat. Kann sehr die Ausstellung im Hamburger Barlach-Haus mit Bildern von Paul Kleinschmidt empfehlen, der in den 1920ern und 1930ern viele hintergründige Szenen des Großstadtlebens malte. Nur noch bis Sonntag!
Unklar, wie es um Stauffenbergs lyrische Fähigkeiten bestellt war, aber wenn das hier sein Wiedergänger ist, könnte die Ästhetik des Widerstands noch etwas an ihrem Metrum feilen.