Pause @ Real Scientists DE
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Das deutschsprachige @RealScientists. Echte Wissenschaft von echten ForscherInnen, AutorInnen, KommunikatorInnen, KünstlerInnen... Diese Woche: Pause
Nachdem wir uns jetzt sicher waren, dass die komischen Verteilungen kein Artefakt unseres Messprozesses waren, besorgten wir uns diverse Eingabegeräte und fingen an zu messen.
Da wir keinen Zugriff auf den Code der Eingabegeräte hatten, bauten wir eine Simulation der vermuteten Abläufe. Und siehe da: je nachdem, wie wir Abfragerate und Verarbeitungszeiten von Eingabegerät und PC einstellten, kamen exakt die lückenhaften Latenzverteilungen raus, die wir beobachtet hatten.
Unsere Hypothese: Je nachdem, welcher Codepfad im Mikrocontroller des Geräts ausgeführt wurde, und wie häufig das USB-Gerät vom Computer nach neuen Eingabe-Events gefragt wurde, entstand mal eine Latenz von z.B. 9 ms oder von 12 ms. Soweit plausibel. Aber konnte das auch die Lücken erklären?
Die 1000 Messungen als Swarmplot. Jeder Punkt ist ein Messwert. Der Wert bestimmt die Position auf der X-Achse. Falls sich Punkte überlappen würden, werden sie nach oben und unten verschoben. Wir sehen also sowohl jede einzelne Messung als auch eine Art Histogramm. Auch hier eine Lücke bei 10-11 ms.
Violin Plots und Histogramme zeigen die Verteilung besser - und auf einmal fällt eine merkwürdige Lücke in den Messwerten bei ca. 10 ms auf, die von Balkendiagramm und Boxplot versteckt wurden. Was ist den da los? Wir zoomen mal rein.
Mit tausend Messungen kann man auch einen Boxplot zeichnen der neben dem Median auch Minimum, Maximum und die Größen der Quartile anzeigt. Aber wie sieht die Verteilung tatsächlich aus? Eine Normalverteilung um den Median? Komplett gleichverteilte Werte zwischen Minimum und Maximum?
Wenn man nur eine oder wenige Messungen macht, kann man zumindest ein Balkendiagramm für die Latenz zeichnen. Hier die Messergebnisse für einen Sony DualShock 3 Game-Controller. Die ca. 12 ms Latenz sind ganz okay.
Unser Fokus lag darauf, ein möglichst präzises und automatisches Mess-Setup zu bauen, so dass wir nicht nur einzelne Messungen machen konnten, sondern mehrere hundert Latenz-Messungen für jedes Gerät. Ziel war, damit auch die Variation bzw. Standardabweichung der Latenz besser zu bestimmen.
Dadurch konnte er die Latenz von unterschiedlichen Mausmodellen im Vergleich zu einem Referenzgerät (Logitech G300) bestimmen. Wenige Mäuse waren minimal schneller, die meisten waren bis zu 37 Millisekunden langsamer. Diese Unterschiede können bei Multiplayer-Spielen tatsächlich entscheidend sein.
Wir waren nicht die Ersten, die sich diese Eingabelatenz angeschaut haben. In der Gaming-Szene gab es schon einige Experimente dazu. Ein pseudonymer Blogger lötete z.B. eine gemeinsame Taste an zwei Mäuse, so dass er beide gleichzeitig auslösen konnte.
In einem unserer ersten Forschungsprojekte zu Latenz haben wir uns die Latenz von Eingabegeräten angeschaut. Und nur von Geräten, die über USB am Rechner hängen. Und da auch nur den Zeitraum von Messung des Tastendrucks bis zur Ankunft des Events in der Anwendung, also ohne mechanische Aspekte.
Fast alle Aktionen am Computer geschehen in einer kontinuierlichen Schleife - wir machen etwas mit Maus, Tastatur oder Touchscreen, der Computer reagiert und zeigt uns einen neuen Zustand. Der Zeitraum zwischen Tastendruck und Aktualisierung des Bildschirms ist die Ende-zu-Ende-Latenz.
Und für heute mache ich mal Schluss mit diesem Fundstück (hier mal keine Rollkugel, sondern ein großer Trackball). www.technikmuseum.findbuch.net/php/main.php...
Und hier - entstanden wohl 1971 an der Uni Gießen: www.technikmuseum.findbuch.net/php/main.php...
Ups, jetzt bin ich durch einen Kommentar auf www.e-basteln.de/computing/ro... in ein Rabbit-Hole gefallen und habe im Archiv des Deutschen Technikmuseums ein paar neue alte Rollkugelfotos gefunden. www.technikmuseum.findbuch.net/php/main.php...
Im Oktober 1968 - zwei Monate vor der "Mother of All Demos" - stellte die Firma Telefunken aus Konstanz am Bodensee übrigens die "Rollkugel RKS 100-86" vor, ein Eingabegerät das schon deutlich mehr der typischen Maus der 70er/80er Jahre ähnelt. Mehr dazu: www.e-basteln.de/computing/ro...
Live vor 1000 Informatiker:innen - darunter ein junger Alan Kay - zeigte Engelbart einen flexiblen Text-Editor, gemeinsames Arbeiten über ein Netzwerk, Videokonferenzen, eine spezielle Akkord-Tastatur - und die erste Computer-Maus:
Der Vortragende in obigem Video ist übrigens Alan Kay. Er war maßgeblich an der Entwicklung des WIMP-Paradigmas (Windows, Icons, Menus, Pointing Device) beteiligt - die klassischen Elemente eines Desktop-UIs. Eines seiner bekanntesten Zitate: "The best way to predict the future is to invent it."
Stark geprägt wurde das Feld aber schon immer von Visionen und Erfindungen. *Der* Klassiker ist 'Memex' (Vannevar Bush, 1945), ein Konzept für einen Schreibtisch, der schriftliche Notizen und Akten einscannt, auf Mikrofilm speichert, und auf Knopfdruck wieder auf dem Schreibtisch anzeigt.
So sah übrigens die erste Seite der Klausur aus. Wichtiges Ziel der Vorlesung ist, dass Studierende einen Überblick über Konzepte, Fachvokabular erhalten. Deshalb ist das eine der wenigen Closed-Book-Klausuren bei uns.
Wirklich sicher bzgl. der Qualität eines Papers kann man sich nie sein, und oft reicht ein Blick auf Äußerlichkeiten nicht aus. Aber ein paar Daumenregeln gebe ich meinen Studis immer mit. Constant Vigilance! Was sind Bullshit-Indikatoren in Eurer Disziplin? Wo würdet Ihr mir widersprechen? </🧵>
So, letztes Paper für heute. Die "Lovely Professional University" fanden die Studis komisch - die gibt's aber wirklich. ☑️ Titel klingt okay ☑️ Mehrere Autor:innen (?) "International Conference" für breites Feld ☒ "Dr./Ms.Mr." eher unüblich ☒ Yahoo-Email? ☒ "In this paper, we present Google" ???
☒ Weltformel ☒ komische Formulierungen Wie kommt sowas durch's Peer Review? Ganz einfach - wenn man selbst der Editor des Journals ist. Diese Chuzpe hat ihm einen eigenen Wikipedia-Artikel und ein Watch-Blog eingebracht: en.wikipedia.org/wiki/Mohamed... web.archive.org/web/20110924... P.S.:
Kollage, die Abbildung ist sehr hoch. Der Autor beschreibt hier "ingeniously simple actual experiments", bei denen er Knoten in Seile verschiedener Dicke gemacht hat, und gemessen hat, wieviel kürzer sie dadurch wurden. Und irgendwie hängt das mit dem "10-dimensional polytope" von Helium zusammen?
Wie sieht's denn hiermit aus? Jetzt kennen wir ja schon ein paar Indikatoren. ☑️ Elsevier ist etabliert ☑️ Journal hat schon 38 Ausgaben ☑️/☒ Titel klingt kompliziert ☑️ Uni Frankfurt (?) Uni Alexandria ☒ einzelner Autor ☒ sehr kurzer Abstract Auch hier müssen wir wohl mal reinschauen.
Hui. das sieht aber bunt aus. Der Autor hat durchgehend verschiedene Online-Quellen zusammenkopiert und kommentiert. ☒ keine eigene Studie, eher ein Dossier. ☒ sieht komisch aus ☒ einziger Autor ist Physiker, kein Epidemiologe ☒ "aus wissenschaftlichen Gründen" = Geschwurbel → wohl eher Quatsch
Jetzt aber. Kontroverses Thema. ☑️ Prof. Dr. Dr. h.c. Prof. h.c. ☑️ Universität Hamburg ☑️ "Studie" Klingt auf den ersten Blick seriös. Aber das Thema zieht bekanntlich auch eher unseriöse Leute an. Hier müssen wir wohl mal kurz reinschauen.
Das hier hat Studis erstmal verwirrt. ☑️ Klingt kompliziert und nach Physik ☑️ Formeln ☒ "Eingestellt über PDF ins Internet"?? ☒ BRD auf Anerkennung der eigenen Theorie verklagt??? ☒ "logisch bewiesen" → Quatsch von einem Crackpot. Oft pensionierte Ingenieure, die die Weltformel entdeckt haben.
Was ist denn das? ☑️ Nature ist seriös ☒ Was hat Britney Spears da im Titel zu suchen ☒ Klingt nach Fan Fiction?! Ein Beitrag von 2007 in einer Rubrik, in der Wissenschaftler:innen ihre Visionen teilen. Hat 2021 für etwas Aufruhr gesorgt. → Quatsch, trotz Nature. retractionwatch.com/2021/07/02/b...
Schon auf den ersten Blick: Qualität. ☑️ Sieht aus wie ein wissenschaftliches Paper ☑️ Text klingt wissenschaftlich ☑️ Association for Computing Machinery (ACM) ist seriös ☑️ U Washington klingt vertrauenswürdig ☑️ Zeichungen → jemand hat sich Mühe gemacht